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Der Pazifismus im Islam
von HARUN YAHYA
Gemäß dem Quran sollte nur dann ein Krieg begonnen werden, wenn
es unvermeidlich ist, und es müssen dabei bestimmte menschliche
und moralische Werte unbedingt eingehalten werden. Denn der Krieg
ist eine "unerwünschte Notwendigkeit".
In einem Vers heißt es, dass diejenigen, die Kriege verursachen,
Ungläubige sind und dass Allah Kriege nicht billigt:
...Jedesmal, als sie ein Feuer zum Krieg angezündet haben, hat
Allah es ausgelöscht. Und sie bemühen sich auf der Erde um Verderben.
Doch Allah liebt nicht die Verderben-Anrichtenden. (Sure al-Mâ'ida:
64)
Eine genauere Untersuchung des Lebens des Propheten Muhammad zeigt,
dass der Krieg eine Methode ist, die nur in unvermeidbaren Situationen
zu defensiven Zwecken anzuwenden ist.
Die Offenbarung des Quran durch den Propheten Muhammad dauerte
23 Jahre. Während der ersten 13 Jahre dieser Phase lebten die Muslime
als Minorität unter heidnischer Herrschaft in Mekka und sahen sich
viel Unterdrückung gegenüber. Viele Muslime wurden belästigt, misshandelt,
gequält, und sogar ermordet, ihre Häuser und ihr Besitz wurden geplündert.
Trotzdem führten die Muslime eine Leben in Frieden und ohne Zuflucht
zu irgendeiner Gewalttätigkeit zu nehmen und riefen die Heiden immer
zum Frieden auf.
Als die Unterdrückung durch die Heiden unerträglich eskalierte,
wanderten die Muslime zur Stadt des Yathrib aus, die später in Medina
umbenannt wurde, wo sie ihre eigene Ordnung in einer freundlicheren
und freieren Umgebung schaffen konnten. Ihr eigenes politisches
System forderte sie nicht dazu auf, die Waffen gegen die aggressiven
Heiden von Mekka zu erheben. Erst nach der folgenden Offenbarung
befahl der Prophet seinen Anhängern, sich auf den Krieg vorzubereiten:
Erlaubnis (zur Verteidigung) wurde denjenigen, die bekämpft werden,
erteilt, weil ihnen Unrecht zugefügt wurde. Und gewiß, ALLAH ist
doch allmächtig, ihnen zum Sieg zu verhelfen; jenen, die schuldlos
aus ihren Häusern vertrieben wurden zu Unrecht, nur weil sie sagen:
"Unser Herr ist Allah!"... (Sure al-Hadsch: 39-40)
Kurz gesagt; den Muslimen wurde erlaubt, Krieg zu führen, nur weil
sie unterdrückt und Gewalttätigkeit ausgesetzt waren. Allah erlaubte
den Krieg nur zu defensiven Zwecken. In anderen Suren werden die
Muslime vor unnötigen Provokationen oder unnötiger Gewalttätigkeit
gewarnt:
Und bekämpft auf Allahs Pfad, wer euch bekämpft, doch übertretet
nicht. Siehe, Allah liebt nicht die Übertreter. (Sure al-Baqara:
190)
Nach der Offenbarung dieser Suren kam es zu Kriegen zwischen Muslimen
und heidnischen Arabern. In keinem dieser Kriege waren jedoch die
Muslime die provozierende Seite. Ausserdem schuf der Prophet Muhammad
eine sichere und ruhige soziale Umgebung für Muslime und Heiden,
indem er einen Friedensvertrag (Hudaybiya) schloss, in dem die meisten
Forderungen der Heiden erfüllt wurden. Die Gruppe, die die Bedingungen
der Vereinbarung verletzte und einen neuen Krieg begann, waren wieder
die Heiden. Die Anzahl der muslimischen Gläubigen erhöhte sich sehr
rasch und die islamische Armee wurde so stark, dass die heidnischen
Araber ihr nicht widerstehen konnten. Prophet Muhammad zog gegen
Mekka und eroberte die Stadt ohne das geringste Blutvergießen. Er
hätte Rache an den heidnischen Führern der Stadt nehmen können,
wenn er es gewollt hätte. Jedoch tat er keinem etwas zuleide, verzieh
ihnen, behandelte sie mit der äußersten Toleranz und gestattete
ihnen Glaubensfreiheit. Heiden, die später aus freiem Willen zum
Islam übertraten, bewunderten den noblen Charakter des Propheten.
Die islamischen Grundregeln, die Allah im Quran verkündet, erklären
diese ruhige und gemäßigte Politik des Propheten Muhammad. Im Quran
befiehlt Allah den Gläubigen, selbst die nicht-Muslime freundlich
und gerechtigt zu behandeln:
...Allah verbietet euch nicht, gegen die gütig und gerecht zu
sein, die euch nicht wegen eueres Glaubens bekämpft oder euch aus
eueren Häusern vertrieben haben. Allah liebt fürwahr die gerecht
Handelnden. Allah verbietet euch nur, mit denen Freundschaft zu
schließen, die euch des Glaubens wegen bekämpft oder euch aus eueren
Wohnungen vertreiben oder bei euerer Vertreibung geholfen haben...
(Sure al-Mumtahina: 8-9)
Die obigen Verse spezifizieren die Ansicht eines Muslims gegenüber
nicht-Muslimen: Ein Muslim sollte alle nicht-Muslime freundlich
behandeln und nur vermeiden, mit denen Freundschaft zu schließen,
die Feindschaft gegen den Islam hegen. Führt diese Feindschaft zu
heftigen Angriffe gegen Muslime, das heisst, falls ein Krieg gegen
sie geführt wird, dann sollten Muslime darauf gerecht reagieren,
indem sie menschlichen Maße an die Situation anlegen. Alle Formen
von Barbarismus, nicht notwendige Gewaltaten und ungerechte Angriffe
werden vom Islam verboten. In einem anderen Vers warnt Allah die
Muslime vor diesen Ausschreitungen und erklärt, dass der Zorn auf
ihre Feinde sie nicht veranlassen sollte, ihnen Unrecht anzutun:
Ihr, die den Glauben verinnerlicht habt! Steht in Gerechtigkeit
fest, wenn ihr vor Allah bezeugt. Der Haß gegen (bestimmte) Leute
verführe euch nicht zu Ungerechtigkeit. Seid gerecht, das entspricht
mehr der Gottesfurcht. Und fürchtet Allah. Siehe, Allah kennt euer
Tun. (Sure al- Mâ'ida: 8)
Die Bedeutung des Begriffs "Jihad"
Ein weiterer Begriff, der auf Grund des Inhalts dieses Artikels
einer Erklärung bedarf, ist der Begriff des "Jihad".
Die genaue Bedeutung von "Jihad" ist "Anstrengung".
Das heisst, im Islam ist "jihad durchzuführen", Bemühung
zu zeigen, zu kämpfen. Der Prophet Muhammad erklärte, dass "der
größte Jihad derjenige ist, den eine Person gegen seine niedere
Seele (Schwächen) führt". Hier sind mit dem Ausdruck "niedrigere
Seele" die egoistische Wünsche und Ehrgeiz gemeint. Ein Kampf,
der auf intellektuellem Gebiet gegen unreligiöse, atheistische Ansichten
geführt wird, ist ebenfalls eine Form von Jihad in seinem umfassenden
Sinn.
Abgesehen von diesen ideologischen und geistigen Bedeutungen wird
der Kampf im körperlichen Sinn auch als "Jihad" bezeichnet.
Jedoch, wie oben erklärt wird, muss dies ein Kampf sein, der nur
zu defensiven Zwecken durchgeführt wird. Der Gebrauch des Begriffes
"Jihad" als Angriffe gegen unschuldige Menschen, der als
Terror bekannt ist, wäre eine ungerechte und große Verzerrung der
wahren Bedeutung.
Mitleid, Toleranz und Pazifismus im Islam
Die islamische politische Lehre ist extrem zurückhaltend und gemäßigt.
Diese Tatsache wird auch von vielen nicht-muslimischen Historikern
und Theologen bestätigt. Eine von ihnen ist die britische Historikerin,
Karen Armstrong, eine ehemalige Nonne und bekannte Expertin der
Geschichte des Mittleren Ostens. In ihrem Buch Holy War (Der heilige
Krieg), in dem sie die Geschichte der drei großen Religionen darstellt,
schreibt sie:
...Das Wort "Islam" stammt von der gleichen arabischen
Wurzel wie das Wort "Frieden" und der Quran verurteilt
den Krieg als einen anormalen Zustand der Ereignisse im Widerspruch
zum Willen Allah's: "...Jedesmal, als sie ein Feuer zum
Krieg angezündet haben, hat Allah es ausgelöscht. Und sie bemühen
sich auf der Erde um Verderben. Doch Allah liebt nicht die Verderben-Anrichtenden."
(Sure al-Mâ'ida: 64). Der Islam rechtfertigt keinen aggressiven
Krieg oder Vernichtung, wie die Torah in den ersten fünf Büchern
der Bibel es tut. Eine realistischere Religion als das Christentum,
erkennt der Islam, dass Krieg unvermeidlich und manchmal eine positive
Aufgabe zur Beseitigung von Unterdrückung und Leiden ist. Der Quran
fordert, dass der Krieg begrenzt sein und in einer menschlichen
Weise geführt werden muss. Mohammet musste nicht nur gegen die
Meccans, sondern auch gegen die jüdischen Stämme in der Region und
gegen die christlichen Stämme in Syrien kämpfen, die im Bündnis
mit den Juden eine Offensive gegen ihn planten. Doch führte dies
nicht dazu, dass Mohammet gegen die Menschen der Schrift denunzierte.
Seine Muslime waren erzwungen, sich selbst zu verteidigen, aber
sie führten keinen heiligen Krieg gegen die Religion ihrer Feinde.
Als Mohammet seinen in Freiheit gesetzten Sklaven Zaid zum Kommandanten
einer muslimischen Armee gegen die Christen ernannte, befahl er,
ihnen im Namen Gottes tapfer und zugleich menschlich zu kämpfen.
Sie dürfen weder Priester, Mönche und Nonnen noch schwache und hilflose
Menschen belästigen, die nicht imstande waren zu kämpfen. Es
darf kein Massaker von Zivilisten geben; weder sollten sie einen
einzigen Baum fällen lassen noch irgendein Gebäude abreißen.
Dies unterschied sie sehr von den Kriegen Joshuas. [1]
Nach dem Tode des Prophet Muhammad setzten die Muslime die Tradition
fort, die Angehörigen anderer Religionen mit Toleranz und Respekt
zu behandeln. Islamische Zustände wurden das sichere und freie Haus
der Juden und der Christen. Nach der Eroberung von Jerusalem beruhigte
Kalif Omar die Christen, die sich vor einem Massaker fürchteten
und erklärte ihnen, dass sie sicher seien. Außerdem besuchte er
ihre Kirchen und erklärte, dass sie fortfahren könnten, frei zu
beten.
Ein Porträt der Toleranz gegen
Christen in islamischen Ländern.
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Im Jahre 1099, 4 Jahrhunderte nach der Eroberung von Jerusalem
durch Muslime marschierten die Kreuzritter in Jerusalem ein und
übergaben alle muslimischen Einwohnern dem Schwert. Ganz entgegen
der Furcht der Christen erhob Saladin, der muslimische General,
der Jerusalem eroberte und die Stadt 1187 von den Invasoren befreite,
nicht die Hand gegen einen einzigen Zivilisten an und erlaubte keinem
Soldaten zu plündern. Außerdem erlaubte er den eingedrungenen Christen,
ihren ganzen Besitz zu nehmen und die Stadt in Sicherheit zu verlassen.
Die Herrschaft der türkischen Seldschuken und des Osmanischen Reiches
waren ebenfalls durch die Toleranz und die Gerechtigkeit des Islams
gekennzeichnet. Bekanntlich fanden Juden, die aus dem katholischen
Spanien vertreiben wurden, Frieden in den Ländern des Osmanischen
Reiches, in das sie 1492 flüchteten. Sultan Mehmed, der Eroberer
von Istanbul, gab den Juden und Christen religiöse Freiheit. In
Bezug auf die tolerante und gerechte Behandlung durch die Muslime
erklärt der Historiker A. Miquel folgendes:
Die Christen lebten unter einer sehr guten Verwaltung, dergleichen
gab es weder Byzanz noch unter der lateinischen Herrschaft. Sie
waren nie einer systematischen Unterdrückung unterworfen. Im Gegenteil
boten das Osmanische Reich und zuerst Istanbul, vielen gequälten
spanischen Juden Schutz. Sie wurden nie gezwungen, zum Islam überzutreten.
[2]
John L. Esposito, Professor für Religion und internationale Politik
an der Georgetown Universität gibt einen ähnlichen Kommentar ab:
Für viele nicht-muslimische Gruppen in Byzanz und in persischen
Gegenden, die der fremden Ordnungen unterworfen waren, bedeutete
die islamische Ordnung einen Austausch der Führung, wobei die neuen
Herrscher häufig flexibler und toleranter waren, und keinen Verlust
der Unabhängigkeit. Viele dieser Gruppen genossen fortan größere
lokale Autonomie und zahlten häufig niedrigere Steuern... Der Islam
stellte sich als eine tolerantere Religion heraus und erlaubte für
Juden und einheimische Christen größere religiöse Freiheit. [3]
Wie aus diesen Wörtern klar wird, bezeugt die Geschichte, dass
Muslime nie als "Stifter des Unheils" auftraten. Ganz
im Gegenteil brachten sie den Menschen aller Nationen und jeden
Glaubens Sicherheit und Frieden, in all den Gebieten, über die sie
herrschten. (Als weitere Quelle zum Thema empfehlen wir Ihnen das
Buch Gerechtigkeit und Toleranz im Quran (Justice and Tolerance
in the Koran), von Harun Yahya, 2000)
Kurz gesagt; Mitleid, Frieden und Toleranz bilden die Grundlage
der Werte des Quran und der Islam zielt darauf ab, das Unheil aus
der Welt zu schaffen. Die Gebote des Quran und ihre Befolgung durch
die Muslime im Verlauf der Geschichte sind sehr klar.
Anmerkungen
1- Karen Armstrong, Holy
War, MacMillian London Limited, 1988, p. 25
2- Feridun Emecen, Kemal Beydilli, Mehmet Ýpþirli,
Mehmet Akif Aydýn, Ýlber Ortaylý, Abdülkadir Özcan, Bahaeddin Yediyýldýz,
Mübahat Kütükoðlu, Osmanlý Devleti Medeniyeti Tarihi, (The History
of the Ottoman State), Istanbul: 1994, Ýslam Tarih, Sanat ve Kültür
Araþtýrma Merkezi, p. 467
3- John L. Esposito, The Islamic Threat: Myth
or Reality, Oxford University Press, New York, 1992, p. 39 |